BLOG 1: Der Unfall

Triggerwarnung: Dieser Blogbeitrag enth├Ąlt die bildhafte Beschreibung eines Reitunfalls.

..und auf einmal ├Ąndert sich alles.

Ich liebe meinen Job und ich habe ihn immer geliebt.

Ich mag die Herausforderungen, die junge Pferde mit sich bringen und auch jene Herausforderungen der Pferde, die leider zu viel Negatives erlebt haben. Die Entwicklungen beobachten zu d├╝rfen, die sowohl die Pferde, als auch deren Besitzer w├Ąhrend der Zeit des Trainings durchleben, ist wundersch├Ân.
Ich wei├č, dass ich bei der Aus├╝bung dieses Berufs gewisse Risiken trage und konnte damit immer gut leben. So ist das eben, in diesem Bereich. Das Berufsrisiko geh├Ârt dazu und ich habe den Beruf deshalb nie in Frage gestellt.

Vor fast 10 Jahren brach ich mir bei einem ├ťberschlag die Hand. Das war durchaus doof, aber nach sp├Ątestens zwei bis drei Wochen sa├č ich wieder auf dem Pferd und alles ging wie gewohnt weiter.
St├╝rze geh├Âren f├╝r jeden Reiter zum Sport, es sind eben eigenst├Ąndige Tiere, auf deren R├╝cken wir uns befinden und keine willenlosen Fahrr├Ąder.
Genau aus diesem Grund geh├Âren solche St├╝rze auch zu meinem Job und in der Regel klopft man sich den Staub von der Hose, sch├╝ttelt sich einmal und steigt wieder auf. 
Doch so etwas wie wie dieses Jahr, habe ich noch nie erlebt…

Der erste Sturz ereignete sich vor f├╝nf Wochen, als ein Pferd mit mir durchging. Es verfiel in Panik, verspannte sich am ganzen K├Ârper, wodurch es stark den Bauch einzog. Die Folge war ein loser Sattelgurt. Das habe ich in 15 Jahren noch nicht gesehen.
In voller Geschwindigkeit prallte ich mit meinem Kopf/ Halsbereich beim Sturz gegen einen Metallpfosten, der das Dach der Halle st├╝tzt.
Meinem Gef├╝hl nach bin ich direkt wieder aufgestiegen. Doch ich erfuhr, dass ich wohl einige Zeit auf dem Boden verbracht habe.
Kurz nachdem ich wieder auf dem Pferd sa├č, merkte ich, dass es mir nicht sonderlich gut ging. Zun├Ąchst dachte ich mir nichts dabei, als mein linker Arm taub wurde, doch dann konnte ich auch noch immer schlechter sehen und am Telefon kaum mehr klar und deutlich sprechen. Dann kam der Krankenwagen. Und von dort an viele Erinnerungsl├╝cken. Ich wei├č noch, dass sie fragten wo ich wohnen w├╝rde und mir war bewusst, dass sie das taten, um mein Bewusstsein zu checken. Doch ich konnte die Frage nicht beantworten. Daraufhin stieg Panik in mir auf. In diesem Moment realisierte ich, dass mein Kopf gerade nicht mehr mitmachte.
Am Ende des Tages empfahl mir das Krankenhaus, eine Nacht zur Beobachtung dort zu bleiben. Das lehnte ich allerdings ab und unterschrieb, auf eigene Gefahr nach Hause gehen zu k├Ânnen.
Ich habe mich ein paar Tage erholen m├╝ssen, um wieder vollst├Ąndig auf die Beine zu kommen. Doch au├čer Schmerzen am Rippen-/Schulter-/Brustbereich (hauptsachlich beim Husten und tief Atmen) war ich sehr gl├╝cklich und dankbar, dass sonst nichts weiter passiert war.
Das war das erste mal, dass mein Kopf in einen Unfall involviert war und hat mich in der Tat etwas eingesch├╝chtert.

Ich stellte mir die Frage, was ich wohl denken und f├╝hlen w├╝rde, wenn ich in ein paar Tagen wieder aufs Pferd stieg.

Nach circa einer Woche sa├č ich wieder auf allen Pferden, die sich im Ausbildungszentrum befanden und zu meiner ├ťberraschung hatte ich gar keine Probleme damit. Ich f├╝hlte mich genauso sicher auf dem Pferd wie vor dem Sturz.
Dem Himmel sei dank.

Leider ging es letzte Woche erneut schief. Mit einem normalen, klaren Jungpferd, das tolle Fortschritte gemacht hatte.
Die Woche vor dem Unfall konnte ich das Pferd zum ersten Mal galoppieren, was meine Praktikantin noch filmte. Super brav, super happy!

An dem Tag des Unfalls erschrak es sich leider derma├čen, dass es total ├╝berraschend los bockte. Ein paar gro├če Spr├╝nge schleuderten mich in die Luft und ich ├╝berschlug mich. Der Aufprall war schwungvoll.. und ziemlich hart.
Ich h├Ârte es in meinem Bein krachen, schrie vor Schmerzen auf und versuchte mich drehen, schrie allerdings wieder, da es erneut krachte. Ich bat meine Praktikantin direkt den Krankenwagen zu rufen, die Schmerzen waren heftig und ich traute mich nicht, mich zu bewegen. Umstehende Menschen kamen zu Hilfe. W├Ąhrend die einen das Pferd weg brachten und versorgten, wartete ein anderer an der Stra├če auf den Krankenwagen. Es wurden Jacken und Decken ├╝ber mich gelegt, da es sehr kalt war.
Nach einer gef├╝hlten Ewigkeit, (ich sch├Ątze dass es in Wirklichkeit nur ein paar Minuten waren), kamen mehrere Sanit├Ąter sowie ein Notarzt.
Ich war vollkommen durcheinander und habe durch die K├Ąlte gezittert, wodurch mein Bein nur noch mehr weh tat.
Die Rettungskr├Ąfte stellten wieder Fragen, um zu checken ob ich klar denken konnte. Mein Kopf war top fit, doch mein Bein..
Es dauerte einen Moment, bis ich endlich in der richtigen Position lag um auf die Trage geschnallt zu werden.
Der Notarzt erkl├Ąrte, dass er mir ein Schmerzmittel spritzen w├╝rde, welches das Gef├╝hl in mir ausl├Âse, betrunken zu sein. Leider trat dieses Gef├╝hl nie ein. Zu gerne h├Ątte ich mich in diesem Moment wirklich betrunken gef├╝hlt!
Die Fahrt ins Krankenhaus ging gef├╝hlt sehr schnell.
Dort wurde ich komplett durchleuchtet und es war direkt klar, dass ich z├╝gig operiert werden m├╝sste.
Etwa ein bis zwei Stunden nach dem Unfall lag ich schon auf dem OP-Tisch.

W├Ąhrend ich da so lag, gingen mir tausende Gedanken durch den Kopf. 
Was passiert nun mit meiner Firma, meiner Existenz?
Und meinen heutigen Terminen, meinen Terminen n├Ąchste Woche?
Wie sollte ich nun meinen Kunden helfen?

..ich musste doch morgen wieder reiten..


Mich ├╝berkam ein Gef├╝hl der Machtlosigkeit, einfach dort zu liegen und all die Pl├Ąne die ich hatte davon schwimmen zu sehen.
Ich wurde aus dem Gedankenkarussell gerissen, als in dem Moment ein Krankenhausmitarbeiter den Raum betrat. Als die Person drauf und dran war die gute Pikeur-Reithose, die st├╝tzend unter meinem Knie lag, zu entfernen, protestierte ich. Ich bat den Mitarbeiter auf die Vollnarkose zu warten, bevor mein Bein wieder bewegt werden w├╝rde. Die Schmerzen waren einfach zu stark.

Das n├Ąchste woran ich mich erinnern kann, ist der Moment des Aufwachens. Ich realisierte, dass ich mich in einem Krankenhaus in Wiesbaden befand.

ÔÇ×Wie konnte das nur passieren?”, schoss es mir durch den Kopf.

Was ich wusste war, dass es keine Schuldzuweisung geben w├╝rde. Pferde sind Fluchttiere. Unf├Ąlle passieren. Niemand tr├Ągt Schuld.
Doch es kam auch der Gedanke auf, dass ich mir sicher war, eigentlich immer sehr gut aufzupassen. Kleine Schritte zu gehen und die Pferde sehr gut vorzubereiten.

H├Ątte ich etwas anders machen k├Ânnen?
M├╝sste ich in der Zukunft etwas ├Ąndern?
War der erste Sturz vielleicht ein Warnschuss, den ich ├╝berh├Ârte?


Ich liebe meinen Job noch immer.
Doch aktuell stelle ich mir die Frage, ob ich ihn in dieser Form noch aus├╝ben m├Âchte. Ob ich noch fremde Pferde reiten m├Âchte.

Im einen Moment denkt man, es kann einem nichts passieren und nur eine winzig kleine Sekunde sp├Ąter, ├Ąndert sich alles.

Was ich abschlie├čend unbedingt noch betonen m├Âchte ist, dass ich durch diesen Unfall festgestellt habe, dass die Sanit├Ąter und das gesamte Krankenhauspersonal nicht mal ann├Ąhernd so viel Respekt erhalten wie sie verdienen. Ich bedanke mich von ganzem Herzen bei allen, die diesen Beruf t├Ąglich aus├╝ben und sich f├╝r die Gesundheit jedes einzelnen Menschen einsetzen.